Der Konjunktiv im LCB Gabriele Leupold/Evelin Passet

Dienstag
November
10-18h
07.11.2017

„Die Sonne schien, als ob sie wer bezahle“
Sprachübergreifende Fortbildung zum Konjunktiv im Deutschen

Für Literaturübersetzer und andere Interessierte
Leitung: Gabriele Leupold und Eveline Passet


Der deutsche Konjunktiv ist so formenreich, dass nicht nur im Alltagsgebrauch Verwirrung herrscht, auch die Grammatiker tun sich mitunter schwer, etwa bei der Funktionsbestimmung des würde-Gefüges. Äußerst reich sind auch die stilistischen Nuancierungsmöglichkeiten, weshalb sich frei nach Karl Valentin sagen ließe: Den Konjunktiv raffiniert und richtig gebrauchen tät ich schon wollen, aber können getrau ich mich nicht. Zwei Gäste sollen hier aufklären: Svetlana Petrova spricht über die historische Entwicklung des Konjunktivs im Deutschen und zeigt, wie sich Konjunktiv und Indikativ im Verlauf der Sprachgeschichte zueinander verhalten. Hans-Werner Eroms erläutert an Beispielen aus der deutschen Gegenwartsliteratur, wie mit dem Konjunktiv vielschichtige Abschattierungen in der Autor- und Figurenperspektive erzielt werden, und geht auch auf den Gebrauch der Verbmodi in anderen Sprachregistern ein. Den Tag runden wieder zwei Werkstätten ab.
Der Eintritt ist frei, 12 Euro Unkostenbeteiligung für einen Mittagsimbiss und Getränke sind vorgesehen. Anmeldung erbeten per Mail an becker@lcb.de.

Lesemarathon Berlin Stadt Land Buch Stefan Hertmans "Die Fremde"

Auftaktveranstaltung
des Lesemarathons

Stadt Land Buch

Gastland Niederlande/ Flandern


Sonntag, 5.11.2017   17 Uhr
Deutsches Theater Berlin

Masterclass Crossing Border Festival 2017 in Den Haag



Moderiere  am Donnerstag 
eine
"masterclass" 
beim


 2.-3. November 2017

The Chronicles

"Masterclass" besteht aus 1 Person, und ich würde es eher ein "Mentorat" nennen. 
Gleichviel: Ich bin gespannt.

Don DeLillo-Übersetzerwettbewerb - LCB und FAZ - Ich hab's auch gewagt

Der größte Übersetzerworkshop mit über 400 Teilnehmern!
Pociao hat den schönsten und besten Text eingeliefert. Gratulation!
Mir hats Spaß gemacht, einmal in einer anderen Sprache zu "wildern". Und beim Vergleich mit dem Siegertext habe ich viel gelernt! (z.B. nicht gegen eine Wand andenken, Knoten beherzt entknoten ... und noch einiges mehr).
Ich stelle meine Version hier ins Netz. Vielleicht machen das ein paar von den übrigen 400 Mitstreitern ja auch. Wäre sehr spannend!

***



Don DeLillo

Great Jones Street

Ruhm verlangt alle Arten von Exzessen. Ich meine wahrer Ruhm, das allesverschlingende Neon, nicht die dröge Bekanntheit abhalfternder Staatsmänner oder kinnloser Könige. Ich meine lange Reisen durch graue Zonen. Ich meine Gefahr, Sturzkanten aller Leeren, die Fährnisse eines Mannes, dessen Erotik die Träume der Republik mit Terror überzieht. Versteh einer den Mann, der derart extreme Regionen bewohnen muss, monströs und mösisch, feucht von Erinnerungen an Gesetzesverstöße. Ist er begrenzt irre, frisst ihn der grenzenlose Irrsinn des Publikums; ist er durch und durch vernünftig, ein Bürokrat in der Hölle, ein heimliches Genie des Überlebens, vernichtet ihn das Publikum, das für Überlebende nur Verachtung übrig hat. Diese spezifische Form des Ruhms nährt sich von Gräueltaten, von dem, was die Berater von Halbgrößen für schlechte Publicity halten – von hysterischen Anfällen in Limousinen, Messerstechereien unter den Konzertbesuchern, skurrilen Gerichtsprozessen, Verrat, Teufelszeug und Drogen. Das einzige Naturgesetz des wahren Ruhms besteht vermutlich darin, dass der berühmte Mann am Ende Selbstmord begeht.
(Hat inzwischen jeder begriffen, dass ich ein Held des Rock `n´ Roll war?)
Gegen Ende unserer Abschlusstour zeichnete sich ab, dass die Zuhörer mehr wollten als nur Musik, mehr als die bloße Verdoppelung des eigenen Krachs. Vielleicht war unsere Kultur ja an ihre Grenzen gestoßen, hatte den Bogen ernstlich überspannt. In den letzten Wochen konnte man auf den Konzerten immer seltener die schlichte, aus dem Bauch kommende Verausgabung spüren. Es gab weniger Fälle von Brandstiftung und Vandalismus. Sogar weniger Vergewaltigungen. Weder Rauchbomben noch die Androhung schlimmerer Sprengkörper. Von allem abgeschnitten, waren unsere Fans momentan kaum noch am Vergangenen interessiert. Sie hatten sich zwar von den alten Heiligen und Märtyrern losgesagt, waren aber furchtbar alleingelassen mit dem eigenen, markierungslosen Fleisch. Wer keine Eintrittskarte ergattert hatte, stürmte nicht mehr die Absperrungen, und während der Auftritte waren die direkt vor uns am Bühnensaum entlangschrammenden Jungs und Mädchen nicht länger mordsmäßig in mich verliebt, als ahnten sie, dass mein Tod nur als selbst-gewollter authentisch wäre und nur dann eine vielversprechende Handlungsanweisung, wenn ich ihn selbst herbeiführen würde, am liebsten in einer fremden Stadt. Allmählich gelangte ich zur Überzeugung, ihre Erziehung wäre erst vollendet, wenn sie mir als Lehrer eine Lektion erteilten und die für unsere Band übliche Massenreaktion eines Tages nur noch pantomimisch darbrächten. Sie sprängen zwar während des Auftritts herum, tanzten, brächen zusammen, schwenkten die Arme, doch alles ohne einen Laut. Wir ständen in der grellerleuchteten Kuhle eines riesigen Stadiums voll spastisch zuckender Körper, und um uns herum nichts als Stille. Frei von den Schreien der Leute wäre unsere neueste Musik kaum mehr als eine Bedeutungslosigkeit, und uns bliebe keine andere Wahl, als mit dem Spielen aufzuhören. Was für ein tiefgründiger Witz! Eine Lehrstunde in irgendwas.
In Houston verließ ich wortlos die Band und bestieg ein Flugzeug nach New York City, dieses verseuchte Heiligtum, mein Geburtsort. Ich wusste, dass Azarian die Leitung der Band übernehmen würde, sein Körper war der ansehnlichste. Den Rest überließ ich der einschlägigen Aufhetze – Nachrichtenmedien, Reklameleuten, Agenten, Buchhaltern, Mitgliedern des Manageradels. Das Publikum würde mein Verschwinden besser verstehen als alle anderen. Obwohl das hier nicht gerade die totale Show war, die die Leute brauchten, und keiner sich sicher sein konnte, dass ich tatsächlich für immer wegbleiben würde. Für meine innigsten Fans war es ein Vorgeschmack auf das Warten. Entweder ich käme mit einer neuen Sprache für sie zurück oder sie müssten sich eine göttliche Stille suchen, passend zu meiner.
Ich nahm ein Taxi und fuhr an den Friedhöfen vorbei Richtung Manhattan, Gezeitenströme aschfarbenen Lichts brachen sich an den Turmspitzen. New York schien älter zu sein als die Städte Europas, ein bitterböses Geschenk des sechzehnten Jahrhunderts, pausenlos auf der Kippe zur Pestepidemie. Der Taxifahrer dagegen war jung, ein sommersprossiger Typ mit mäßigem Afro. Ich bat ihn, durch den Tunnel zu fahren.
“Da gibt´s ´nen Tunnel?”, fragte er.
Am Abend vorher, im Astrodome, war die Band ohne mich aufgetreten. Azarian war ein Hüne an Gestalt, aber bei dieser Jungfernaufführung konnte nichts die trostlose Stimmung der Menge aufheitern. Sie wandte sich gegen die Bausubstanz, zerschmetterte, was zu zerschmettern war, versuchte den künstlichen Rasen rauszureißen, vergriff sich gar an den sanitären Anlagen. Die Tore gingen auf und die Polizei trat ein, die Blicke der Beamten leer, die Freudenreigen in den Köpfen hinter gezähmten Augen verborgen: Sie führten ihre patentierten Kommandos durch und brachen, im Bemühen, das Konzept der Wohltemperiertheit durchzusetzen, Arme und Beine. In einem der widerlichsten öffentlichen Statements des Jahres verglich Globke, mein Manager, die Polizeiaktion mit einem Mini-Genozid.
“Der Tunnel führt unter dem Fluss durch. Es ist ein hübscher Tunnel, er hat weiß-gekachelte Wände und Männer sitzen drin in Glasboxen und zählen die vorbeifahrenden Autos. Eins, zwei, drei, vier. Eins, zwei, drei.”
Ich interessierte mich für alles, was endete, dafür, wie man eine tote Idee überlebt. Was die Wundgeschlagenen von Houston zu erwarten hatten, hing ganz davon ab, was ich, meine persönlichen Grenzen überwindend, im Land aller Enden lernen würde, fern von den Tropen des Ruhms.

(Don DeLillo, Great Jones Street, Boston: Houghton Mifflin 1973, 1. Kapitel) 75


Ira Wilhelm
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