Montag, 31. Oktober 2016

Veranstaltung: Anneke Brassinga




 

08.11. 20h
Künstler / Titel
Anneke Brassinga:
Fata Morgana, dürste nach uns
Ort
Literaturhaus Berlin
Adresse
Fasanenstr. 23 10719 Berlin
Mit einem Gastauftritt der niederländischen Jazz- und Improvisationsmusiker Ig Henneman (Bratsche) und Ab Baars (Saxophon, Klarinette, Shakuhachi)

Moderation: Cornelia Jentzsch


Seit Mitte der 1980er Jahre bezaubert Anneke Brassinga, die große niederländische Dichterin und „Sprachmagierin“ (Rob Schouten), wie sie liebevoll tituliert wird, ihre Leserschaft mit einem einzigartigen Erfindungsreichtum und Gespür für das Material der Sprache. Ihre Gedichte umkreisen ein zentrales Paradox unserer menschlichen Existenz: Nichts weiter zu sein als ein Stück Materie – und doch mit dem Vermögen begabt, uns einen Gott zu erfinden, eine Seele. Von der Sehnsucht geleitet zu sein, der Welt Bedeutung einzuhauchen, ihr Sinn zu verleihen – im Wissen um die Unzulänglichkeit dieser Daseinsillusion. Alles in Anneke Brassingas Dichtung rührt von hier her: Dem Impetus, dem unvergeudeten Reichtum unserer Sehnsüchte Raum zu verleihen. Die überbordende Fülle des Glücks, des Glanzes zu preisen – im Wissen um ihr Nichtvorhandensein. Und das unauflösbare Spannungsfeld zwischen den nackten Tatsachen und der Unendlichkeit im Kopf auszuhebeln, allein durch die lebendige Wirklichkeit und Kraft der Sprache. Was ihr dabei gelingt: Eine Feier der Sprache in überbordender, irisierender Fülle – vermittels Beschreibungen der Natur, der Liebe, der Erotik, der Musik. Anneke Brassingas Werk ist in Sprache verwandelte Ek-Stase. Und „das klopfende Herz des Textes“ sein Tier.
Anneke Brassinga, 1948 in Schaarsbergen / Niederlande geboren, lebt in Amsterdam. Seit 1985, als mit „Brassinga’s debuut“ ihre erste Publikation erschien, folgten zehn weitere Gedichtbände, für die sie 2015 mit dem wichtigsten Literaturpreis ihres Landes ausgezeichnet wurde: dem P.C. Hooft-Prijs für ihr dichterisches Lebenswerk. Anneke Brassinga war 2014 Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. „Fata Morgana, dürste nach uns“ (aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm und Oswald Egger, mit einem Nachwort von Erik Lindner) ist der erste Auswahlband, der von Anneke Brassinga auf Deutsch erscheint, als Band Nr. 28 in der Spurensicherungsreihe des Berliner Künstlerprogramms des DAAD im Verlag Matthes & Seitz Berlin.
Eine Kooperationsveranstaltung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD, des Literaturhauses Berlin und der Botschaft des Königreichs der Niederlande.
Eintritt 8,-- / 5,-- Euro

Foto: Krzysztof Zielinski

Quelle

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Freitag, 4. Dezember 2015

Arbeitsstipendium



Habe das Arbeitsstipendium des Deutschen Übersetzerfonds
für
Anneke Brassingas Gedichte
bekommen.

Freut mich sehr!
Danke.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

workshop Stimmen hören. Diese Woche

Seit Montag bis morgen, Freitag:

workshop

Stimmen hören

Sprachübergreifendes Seminar zum Übersetzen von Lyrik

im LCB.
Unter der Leitung von Marie-Louise Knott und Ulf Stolterfoht.

Foto: Jürgen Jakob Becker



Die Teilnehmer mit ihrem Autoren:

Jürgen Ghebrezgiabiher - Iain Sinclair
Felix Schiller - Mina Loy
Barbara Juch -  Rowan Ricardo Philipps
Ira Wilhelm - Anneke Brassinga
Renate Schmidgall: Maciej Niemiec
Lisa Palmes/ Michael Zgodzay: Justyna Bargielskas
Anne Birkenhauer - Avot Yeshurun
Sudabeh Mohafez - Mehrdad Arefani
Hans-Christian Oeser: Patrick Henry Pearse
Versatorium (Franziska Füchsl und Nino Idoidze) - H2SO4
Irina Bondas - Ilia Ryvkin
Carolin Schmidt: Emily Berry



Freitag, 25. September 2015

Familienbande


Curacao, Mitte der vierziger Jahre. Meine Mutter ist die älteste.

Sonntag, 30. August 2015

Donnerstag, 25. Juni 2015

Fabre und Olyslaegers Mount Olympus 24 h Berliner Festspiele

SA 27.06.2015, 16:00 bis So 28.06.2015, 16:00
24 Stunden nonstop


Troubleyn / Jan Fabre
„Mount Olympus“to glorify the cult of tragedy
(a 24h performance)
Uraufführung
Performer
Lore Borremans, Katrien Bruyneel, Annabelle Chambon, Cédric Charron, Renée Copraij, Anny Czupper, Els Deceukelier, Barbara De Coninck, Piet Defrancq, Mélissa Guérin, Stella Höttler, Sven Jakir, Ivana Jozic, Marina Kaptijn, Gustav Koenigs, Sarah Lutz, Moreno Perna, Gilles Polet, Pietro Quadrino, Antony Rizzi, Matteo Sedda, Merel Severs, Kasper Vandenberghe, Lies Vandewege, Andrew Van Ostade, Marc Moon Van Overmeir, Fabienne Vegt
Konzept, Regie Jan Fabre
Choreografie Jan Fabre & Tänzer
Text Jeroen Olyslaegers, Jan Fabre
Musik Dag Taeldeman
Dramaturgie Miet Martens
Regieassistenz Floria Lomme
Duftkonzept/Geruchskünstler Peter de Cupere
Screen-Fotografie Phil Griffin
Licht Jan Fabre, Helmut Van den Meersschaut
Kostüme Jan Fabre, Kasia Mielczarek
Fotografie und Internetinhalte Sam De Mol
Gastdramaturgen Hans-Thies Lehmann, Luk van den Dries, Freddy Decreus
Produktionsleitung Ilka De Wilde
Artist in residence während der Proben Phil Griffin
Selbst für den großen Grenzüberschreiter Jan Fabre ist das ein Ausnahmeprojekt: 24 Stunden lang tanzen, spielen, schwitzen, lieben, leiden, schlafen, träumen sich 27 Performer*innen durch die Mythen der griechischen Antike. Ganz wie damals in Athen wird Theater zum Ausnahmezustand, zum politischen Raum, zu einer beinahe spirituellen Zeit-Reise für Darsteller und Publikum gleichermaßen. Fabre trägt das Publikum in einem Bilderstrom durch eine Performance zwischen Wachen und Schlafen, Traum und Realität. Dabei begegnen einem Medea, Antigone, Dionysos und andere Heroen in all ihrer Triebhaftigkeit und Archaik.
Der belgische bildende Künstler, Theaterregisseur und Autor Jan Fabre ist seit 30 Jahren eine der wichtigsten Figuren der internationalen Kunst- und Theaterwelt. Zeit und Zeitexzesse waren schon oft sein Thema: Sein achtstündiger Abend „This is theatre like it was to be expected and foreseen“ brachte 1982 echten Schmerz, echte Müdigkeit auf die Bühne und revolutionierte das Theater. „Mount Olympus“ erlebt bei Foreign Affairs nach zwölfmonatiger Probenzeit seine Uraufführung und vereint alle Aspekte seiner bisherigen Arbeit.

Quelle: Berliner Festspiele
Website Mount Olympus 24h

Habe Texte von Jan Fabre und Jeroen Olyslaegers ins Deutsche übersetzt.
Was sie wohl draus gemacht haben?
Die Schwierigkeit: Eine ganze Szene ist ein einziges Wortspiel mit nachtmerrie (Albtraum) und Pferden (merrie)!

Freitag, 19. Juni 2015

Poesiefestival - ab heute, Arbeit ab Morgen, Ergebnis am Dienstag


Veranstaltung Literaturwerkstatt Berlin: Juni 2015


Fr 19.06.2015 - 17:00 Uhr

16. poesiefestival berlin

Festivalauftakt mit Ausstellungseröffnung

Mehr Information hier.


Ab Morgen arbeiten
Mit Mustafa Stitou (Niederlande) und Jan Wagner (Deutschland), K. Michel (Niederlande) und Michael Speier (Deutschland), Anneke Brassinga (Niederlande) und Oswald Egger (Italien), Els Moors (Belgien) und Daniela Seel (Deutschland), Paul Bogaert (Belgien) und Farhad Showghi (Deutschland), Maud Vanhauwaert (Belgien) und Nora Gomringer (Deutschland)

miteinander.

Dabei sind sechs Übersetzer, sog. Sprachmittler:

Allard van Gent, Ard Posthuma, Gregor Seferens, Rosemarie Still, Stefan Wieczorek, Ira Wilhelm.

Drei Tage Arbeit an Gedichten. Von morgens bis abends.


Abschlussveranstaltung am Dienstag

Di 23.06.2015 - 19:00 Uhr

16. poesiefestival berlin

VERSschmuggel

Lesung & Gespräch

 Ort: Akademie der Künste
Kleines Parkett

Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Eintritt: 8/5 EUR
mehr Informationen hier.


Dienstag, 16. Juni 2015

Hätte ich einen Übersetzerhelden ... dann ihn






Jetzt ist er hin.
Bedauerlich.


Montag, 15. Juni 2015

Montag, 18. Mai 2015

And the winner is: Luk Van Haute





Congratulations Luk Van Haute.
Ich habe drauf gewettet, dass diese Übersetzungsunternehmung die Ehrung am meisten verdient.
Habe ich also doch noch gewonnen ;-)

Dienstag, 12. Mai 2015

Eigene Texte No.6: Anneke Brassinga auf Deutsch (2007)



Folgender Text ist 2007 auf Niederländisch erschienen. (Also schon wieder eine Weile her)

„Kijken door gebrandschilderde ramen. Anneke Brassinga in het Duits”, übers. von Pauline de Bok, in: Filter, Jahrgang 14, Nummer 4, Dezember 2007, S. 30-38.


 Hier das deutsche Manuskript:

Vom Schauen durch gemalte Fensterscheiben
Anneke Brassinga auf Deutsch

Die Frage, die sich mir beim Übersetzen immer stellt, ist die Frage nach der Empathie. Es ist auch die Frage nach der Geistes-Verwandtschaft zwischen Autor und seinem Übersetzer: So fragte ich mich einmal in einem Aufsatz über Wessel te Gussinklo, ob ich als Frau ein ausgesprochenes Männerbuch wie De opdracht überhaupt übersetzen darf. Angesichts der Gedichte Anneke Brassingas erhebt sich die Frage nach dem Geschlecht deutlich nicht. Gemeinsamkeiten gibt es auf oberflächlicher Basis einige wenige, so zum Beispiel die, dass wir beide Übersetzerinnen sind, oder jene, eher zufällig entdeckte, dass Brassinga wie ich als Kind immer ein Junge sein wollte. Doch die Unterschiede sind offensichtlicher: Brassinga schreibt und ich übersetze sie, Brassinga schreibt Gedichte und ich übersetzte solche bisher nie, ja, ich muss es gestehen, ich las sie nicht einmal. Zunächst war mir pubertierender Weltschmerz, wie er sich in Mitschülergedichten äußerte, verhasst, obwohl ich natürlich selbst an jenem litt, und Dichtung hat für mich seither immer etwas von diesem pickligen, aber süßen Weh behalten. Später strahlten Poeten und Poesieliebhaber für mich einen haut gout aus und reklamierten einen Aristokratismus für sich, der mir als erklärtem Humanisten und Demokraten immer verdächtig war. Nichtgedichteleser aber sind die Paria der Gelehrtenrepublik: Goethe nennt sie ‚verdrießliche Philister’, die vom Markttreiben blöde in die „heilige Kapelle“ der Poesie glotzen und dort nur Dunkelheit und Düsternis sehen. Enzensberger ist weniger human, für ihn sind Leute, die keine Gedichte lesen „eine kochende lache/ aus bockbier und blut! [...] beschissen von blei […] sprachlose fresser“ mit  „räudigen[,] hirn“ […] verräter[…] schmierige adler“[1] Doch nicht nur Biographisches trägt zu meiner bislanglebenslangen Distanzhaltung zur Poesie bei. Im Zuge der intensiveren Beschäftigung mit der Literatur waren es die grundlegenden strukturellen Unterschiede zwischen prosaischen Sprachkunstwerken und lyrischen, die mir den Zugang verwehrten. Während Romane dem Leser eine Weite gewähren – sei es die einer Steppe, einer Stadtlandschaft oder einer Seele  - , welche man mit eignem Leben füllen kann, kriegt man vom Dichter – so kam es mir vor – in Form von einer erdrückenden Fülle von Tropen, Allegorien, Metaphern, Gleichnissen etc. ein Puzzle vorgelegt, dessen Einzelteile nur auf eine ganz bestimmte Weise zusammengesetzt werden können. Der Dichter ist ein Gefängniswärter, der mir in der winzigen Zelle eines Gedichts die Freiheit nimmt: Kaum hat man diesen poetischen Raum betreten, schon ist man an seinem Ende angelangt. Man geht zum Ausgangspunkt zurück, liest das Gedicht zu Ende, fängt wieder von vorn an – und man kommt sich bald vor wie ein hospitalisierender Eisbär im Gehege. Für die Prosa dagegen gilt das pantha rei, beim Lesen wie beim Übersetzen. Prosa ist der  Alltag des Übersetzens, wodurch das Übersetzen von Poesie dann wohl die Sonntage sein müssen. Die prosaischen Werktage des Übersetzers – das ist – geben wir s doch zu – das Übersetzen meist schlechter, ich präzisiere schlechtgeschriebener Texte. – Und hier muss ich mich einmal kurz ausblenden und eine Anmerkung dazwischenfügen, die sich ganz besonders an die Übersetzungswissenschaftler richtet: Übersetzungstheorie handelt immer vom Übersetzen guter Literatur, wie Übersetzerpreise auch immer an Übersetzungen guter Literatur gehen. Ein Großteil aller Übersetzungen sind aber, wie gesagt, Übersetzungen von „schlechter Literatur“. Sollte man nicht mal einen Kongress, einen Workshop eben dieser Mühsal des Übersetzens zu widmen, die, wenn die Poesie die Sonntage ausmachen, wohl als die Montage des Übersetzens zu betrachten sind? Solch ein workshop wäre von großem Nutzen, denn jeder weiß, dass es viel schwieriger ist, ein schlechtes Buch gut zu übersetzen als ein gutes gut. Man könnte sich endlich mal laut austauschen über etwas, worüber man sonst nur mauschelt.
Doch ich blende mich wieder ein. Das Prosaübersetzen ist also ein horizontales Übersetzen, eines an der Oberfläche entlang, deren Vertiefung Textdurchgang nach Textdurchgang erfolgt, mit der Beständigkeit, mit der ein Bach sich sein Bett gräbt. Dieses letztere Bild gilt wenigstens für mich, der ich ein Immer-wieder-Überarbeiter bin im Gegensatz zu dem „Einmal, aber dann richtig“-Übersetzer. Bei der Prosa muss man in die Breite denken, Übersetzungsprobleme lassen sich oft durch die direkte, kohärenzenbildende Nachbarschaft von Worten lösen und selbstverständlich bisweilen auch durch den bloßen Fortgang der Handlung. Aufgrund der Masse an Stoff kann man vereinzelt verstohlen über ein Problem hinwegschraffieren, und wenn man Glück hat, liest ein übelwollender, schlechtgelaunter Rezensent drüber weg.
Im Gegensatz zur Prosa wird die Annäherungshaltung an die Poesie nicht durch Oberfläche und die Horizontalität bestimmt, sondern – schon bedingt durch die Kürze des Mediums – von der Vertikalität und damit von der Tiefe. Dies scheint auch Gaston Bachelard so empfunden zu haben, denn er sagt: „In jedem wirklichen Dichter kann man Elemente einer angehaltenen Zeit finden, einer Zeit, die sich der Meßbarkeit entzieht, einer Zeit, die wir vertikal nennen werden, um sie von der geläufigen Zeit zu unterscheiden, die horizontal mit dem Wasser des Flußlaufs, mit dem wehenden Wind dahinströmt.“[2] Abgesehen von der Enttäuschung nach diesem Zitatfund, die das Ergebnis meines persönlichen Paragones nun wenig originell erscheinen ließ, war ich überrascht von der Übereinstimmung der Wahrnehmungen, wodurch etwas Hoffnung aufkeimte, ich könnte mich dem Wesen der Poesie wenigstens intellektuell nähern. Die geläufige Prosa, bei der die Worte sich gegenseitig unterhaken und dschunkend schunkelnd sich einen schönen Fluss machen, hat ein derart unvergleichlich schlechteres Ansehen als die Poesie, die ontologisch, philosophisch, mental, emotional oder wie auch immer eben in die Tiefe führt. Klagen wir also mit Johann Jakob Wilhelm Heinse (1746-1803): „hier ists noch immer finster auf der Tiefe; Abgrund, wir versinken, und Abgrund! Ewigkeiten! Ewigkeiten! Kein Untertaucher, nicht die berühmtesten der Schulen von Syme vermochten zu entdecken.“ (Das ist, ich möchte es doch kurz erwähnen, in Prosa geschrieben, nicht im Flattersatz.) Zum uns allen wohl unbekannten Ort Syme erklärt er in einer Fußnote:  Syme ist das Vaterland der Untertaucher in der Levante, eine kleine Insel mit einer Stadt bey Rhodi, dem großen Magazin der Türkischen Seemacht. Niemand erhält das Bürgerrecht, ohne vorher Beweise seiner Geschicklichkeit im Untertauchen gegeben zu haben. Hernach werden sie in die Häfen weit und breit darum verschrieben, und untertauchen. Gleichsam Akademien und Hallen von Metaphysikern; nur daß sie bey ihrer auch gefährlichen Kunst glücklicher sind, und öfter verlornes ergründen und festpacken, als Plato und Leibnitz.“(Ardinghello, IV, S. 334) Die Dichter sind also, wenn wir die Jahrhunderte und die Bilder nun zusammenknoten, Philosophen, ja mehr noch glückliche Philosophen einer utopischen Gesellschaft. Müssen also diejenigen, die sie lesen und übersetzen, es ihnen nachtun? Nicht schwimmen, sondern die Luft anhalten und untertauchen?
Wie aber genau? Der Seufzer aus einem unserer Gedichte scheint, auch wenn es sich um eine andere Kopfübertätigkeit handelt, hier wirklich zupaß zu sein: „O, o krom te moeten gaan/ bij alle goten, dorstend, grondelend naar/ van al die morse eindjes het begin“ [uit: bukshag] Es ist, als lägen die Worte in einem Gedicht in stetigem Streit, rückten sich statt auf die Pelle von einander weg und kümmerten sich nicht um den Abgrund, der sich zwischen ihnen auftut. So wie bei einer weiteren Beispielzeile: „Prei, sterren, zonde, viooltjes of moord“ [uit: Pascal bezoekt Musée Cluny]. Es ist, als verrätselte ein Wort das andere böswillig nur. Man kann das zwar übersetzen, aber man hätte es doch auch gern verstanden. Poesie erscheint mir immer wieder sinndestruierend statt sinnschaffend, Zäsuren, Zeilensprünge, Zeugmata, Zwiste nähern den Zweifel nicht nur am Trugschlussvermögen des Dichters, sondern gleich an dem des Großgedicht- und Gesamtschöpfers dessen, mit dem wir uns tagtäglich herumplagen müssen. Manche nennen das ein Charakteristikum der Postmoderne, für mich ist es – ich meine meine Ansichten über das mangelnde Trugschlussvermögen des Dichters – ein Merkmal aller Poesie schlechthin. Und die einzigen Mittel, die – so sehe ich das wenigstens - dagegen helfen, sind Hoffnungsfähigkeit, kreatürlicher Übermut und Konzentrationsvermögen auf den Punkt – ja, und natürlich das Luftanhalten, bis nah ans Ersticken. Ein Gedicht, solange es kein Heldengedicht, keine Epopoe o.ä. ist, ist die im Bild gemordete Bewegung, hier herrscht stasis, keine dynamis. Und genau das macht einen eingefleischten Prosaübersetzer beim Gedichteübersetzen rasend. Dieses auf der Stelle treten. Dieses Nicht-vorwärts-Kommen. Dieses Grübeln. Grübeln. Und Grübeln. Und dann soll man dem Gedicht diesen Hirnkrampf nachher nicht mehr ansehen! Und er wächst. Was wächst? Der Hass auf den Autor, und die stetige Frage, warum dieser nicht einfach Bäcker geworden ist. Brassinga durchlitt als Übersetzerin ähnliche Frustrationszustände und erstellt einen „Spannungsbogen“ für das Übersetzen, in dem die verschiedenen Stadien des Verhältnisses zwischen Autor und zu übersetzendem Werk ihrer Erfahrung nach folgendermaßen ablaufen:

1)      verrukking en overmoed
2)      een aansluipend, al ietwat ontnuchterend besef van de complicaties
3)      het stroperige gevoel, verzwolgen te zijn door het karwei en de tekst die maar voortwoekert; een groeiende aversie tegen de auteur, die expres, lijkt het, zoveel mogelijk vertaalproblemen in zijn boek heeft gestopt
4)      explosieve woede over je eigen onvermogen
5)      een gestaag toenemende, lichtelijk koortsachtig, opgetogen energie.
6)      en een niet meerkunnen ophouden met het verfijnen van het tekstweefsel.[3]

Irgendwie scheint es jetzt wieder an der Zeit, die Unterschiede zwischen Brassinga und mir zu betonen, denn ich kann bei mir keinesfalls eine chronologische Abfolge der Stadien ausmachen, vielmehr sind stets fast alle gleichzeitig anwesend, 1 b) und 4 aber ständig.


II.
Poesie hat – für einen Prosaisten wie mich – weniger mit Literatur zu tun als mit bildender Kunst. Das Lesen eines Gedichtes ist durchaus vergleichbar mit dem Betrachten eines Bildes. Man steht davor, kneift die Augen zusammen, liest den Titel, tritt einen Schritt zurück, schätzt das eine, würdigt das andere Detail, Farbe, Form, Klang, alles ganz hübsch, aber ehrlich gesagt – ganz verstehen tut man es nicht. Das Gedicht als Bild, damit meine ich übrigens nicht nur jenes optische Bild der Phantasmagorie, die hinter dem Gedicht sich verbergende Idee, sondern auch das Bild von Klang, Silben und Vokalen, Symmetrien, Reihen, Wiederholungen, Kontraste usw. Ja, sogar der Einwand, es gebe doch die Lautgedichte, kann entkräftet werden mit der Ansicht, dass  zu jedem lautlichen Eindruck auch ein optischer gehöre. Wenn eine Gedichtzeile Ding-dong heißt, dann stellt man sich unweigerlich die dazugehörige hin und her schwingende Glocke vor. Und schließlich haben sogar Vokale eine Farbe, wozu mal nicht einmal ein Synästhetiker zu sein braucht.
Kein Geringerer als Goethe behauptete zudem: „Gedichte sind gemalte Fensterscheiben“.[4] Das von alters her gültige Kürzel für diesen Kurzschluss, Gedichte seien Bilder, ist das ut-pictura-poesis im 351. Vers von Horazens  Ars poetica. Ich habe mich schon früher einmal über die Funktion des ut-pictura-poesis beim Übersetzen ausgelassen, aber dort ging es um die Prosa, und ich forderte mit diesem Syntagma das „sinnliche“ Übersetzen allgemein. Hier aber geht es mir konkret um die geistige Verbildlichung. Das ut-pictura-poesis besagt, dass wie die Malerei die Dichtung sei, was Simonides paraphrasiert, indem er behauptet, „die Malerei [sei] eine stumme Poesie, und die Poesie eine redende Malerei“.[5] Horaz wollte damit die Ähnlichkeiten der Künste betonen, Dichtungstheoretiker wie Bodmer und Breitinger machten daraus ein Programm, was allerdings fatale Ergebnisse zeitigte. Im 18. Jahrhundert dichtete der Arzt und Naturwissenschaftler Albrecht von Haller sein berühmtes Gedicht „Die Alpen“.

Hier zeigt ein steiler Berg die Mauer-gleichen Spitzen,/ Ein Wald-Strom eilt hindurch und stürzet Fall auf Fall./ Der dick beschäumte Fluß dringt durch der Felsen Ritzen/ Und schießt mit gäher Kraft weit über ihren Wall./ Das dünne Wasser teilt des tiefen Falles Eile,/ In der verdickten Luft schwebt ein bewegtes Grau,/ Ein Regenbogen strahlt durch die zerstäubten Teile/ Und das entfernte Tal trinkt ein beständigs Tau./ Ein Wandrer sieht erstaunt im Himmel Ströme fließen,/ Die aus den Wolken fliehn und sich in Wolken gießen. [Albrecht von Haller: Die Alpen, (Reclam, S. 16, vs. 351ff.)]

Der Anschaulichkeit lässt dieses Gedicht keine Lücke offen, – aber so  wollte man schon im Laufe des 18. Jahrhundert nicht mehr dichten. Das Ende des Liedes ist, dass man als Leser heutiger Gedichte das Gefühl hat, Gedichte bestehen ausschließlich aus Lücken. Und doch: Beide Dichtarten verfolgen denselben Zweck, denn Haller moralisiert im Anschluss an die obige Passage: „Doch wer den edlern Sinn, den Kunst und Weisheit schärfen,/ Durchs weite Reich der Welt empor zur Wahrheit schwingt,/ Der wird an keinen Ort gelehrte Blicke werfen,/ Wo nicht ein Wunder ihn zum Stehn und Forschen zwingt, [...]“ Zu Zeiten, wo Theologie, Ontologie und die Naturwissenschaft für einen kurzen Moment noch eins sein konnten, wir sind in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, pflegte man den Trugschluss, die Totalität, wie sie hier durch die Beschreibung jedes Details zutage tritt, könnte erreicht, begriffen, reproduziert werden – und mit diesem ein einziger Sinn des Ganzen. Mit diesem Sinn aber ist in den Folgejahren auch die strukturelle Kohärenz abhanden gekommen. Das Wundern, Stehn und Forschen aber bleiben für den Aufmerksamen weiterhin Zweck, sie sind das, was Brassingas Poesie im Wesen ausmacht. Auch ihre Poesie ist „transformatie […] van informatie“,[6] ich würde sagen mit Hilfe von Sehhilfen, sei’s das Mikroskop oder das Fernglas oder der Zoom. Brassinga dichtete übrigens ebenfalls ein Gedicht mit dem Haller-Titel, allerdings in der Einzahl: „Alp“

De koe is groeiensmoe
zij loeit zo droef
op de veranda,
 de koe is moe
zij draagt er twee.

De boer slaat flank, hij roemt haar
boezeroen van vlees en wimpers
Donsoor trilt, neus snurkt roze
rauw, zij weent en roept
teloor in `t stille dal.

Het is niet groen, `t is wit.[7]

Während Haller also noch von einer gottgegebenen Ordnung ausgehen konnte, nimmt einem Dichter heute das keiner mehr ab. Das Tal ist weiß, eben nicht grün, wie man erwartet, und man erwartet wohl auch kaum eine Kuh auf einer Veranda, geschweige denn – eine Interpretation, die ich gar nicht zu Ende denken mag – eine Kuh mit zwei Eutern. Modernes Dichten ist, nach der Definition Brassingas, die Störung aller Ordnung, eine „ademende ordeverstoring“, die im Idealfall dem Tod trotzt.[8] Was aber dem Leser nur ein interpretatorisches Signal ist, daran beißt sich der Übersetzer die Zähne aus, eine gestörte Ordnung zu übersetzen kann einen verdammt mutlos machen.

III.

Eigentlich ist solches Dichten, das die Literaturwissenschaft ein modernes-postmodernes-poststrukturalistisches Dichten nennt, bereits  eingeleitet worden durch die schleichende Aufhebung der Rhetorik und ihrer Gesetze im 18. Jahrhundert als Folge des rasant um sich greifenden Skeptizismus. Doch hat die von rhetorischen Restriktionen befreite Poetik auch heute noch zum Wesen der Poesie einiges zu sagen und kann uns bei ihrer Ausübung behilflich sein. Des Aristoteles' poiein (Rhetorik 1411b 24-31) wird mit „anschaulich machen“ übersetzt und fordert von der Poesie als eidolopoiein, dem Hervorbringen (poiein) eines Bildes (eidolon), die Vorstellung vor dem Inneren Auge. [Aristoteles: De anima III. 3 428a 15-20). Vielleicht müsste man den griechischen Begriff heute besser mit geistiger Holographie übersetzen. Das Ziel jedenfalls ist es, den Hörer zum Betrachter zu machen, und zwar mit Hilfe der enargeia, die tunlichst nicht mit energeia zu verwechseln ist. Die enargeia ist die Anschaulichkeit, die Klarheit und Deutlichkeit, sie zielt darauf, das Wort mit der Sache wieder zu vereinen. Diese Identität ist zwar für die Dichter der modernen Zeit nicht mehr einzuholen, aber sie kann, und dies ist der Zweck des Ganzen hier, Aufmunterung für den stetigstrebenden Übersetzer sein. Diese enargeia, für den Übersetzer reklamiert, fordert nicht, vertalen wat er staat, sondern vertalen wat er geschilderd is.
Wenn Brassinga als das Verfahren ihrer Dichtung nennt, „mijn eigen in de geheugenruimte rondwarende beelden onder te brengen in taal“,[9]  dann paraphrasiert sie das genau dieses aristotelische Verfahren. Das bedeutet für den Übersetzer, diese Prozedur rückgängig zu machen und von der Sprache über die Bilder in den Gedächtnisraum des Dichters zu steigen – da wird mir jetzt allerdings doch etwas mulmig zumute. Ich habe in Anneke Brassingas Schädelraum nichts zu suchen. […] Man soll, so schreibt Brassinga irgendwo, als Übersetzer sich den Autor zu eigen machen, alles lesen, was er geschrieben hat etc. Das hieße rein theoretisch, sich seine Biographie zueigen machen, sich einzuleben, Schlüsse zu ziehen, Kausalitäten zu knüpfen, Küchenpsychologie zu treiben. Sie mag ja recht haben, aber irgendwie verbietet mir das Anstand und Etikette. Dann könnte, ja müsste ich über das „beschädigte Leben“[10] der Autorin reflektieren, auch über das von Oscar van den Boogaard, über Wessel te Gussinklo. Nein, das ziemt sich nicht. Gibt s einen anderen Weg der Identifikation? Meiner oben ausgeführten Ansicht nach ja: Vielleicht muss ich nicht zum Nacherleber werden, um zu glauben, Gedichte übersetzen zu können, vielleicht reicht es ja, obwohl dies auch schon sehr viel verlangt ist, zum Nachschauer zu werden. Doch setzt dies den Übersetzer wieder vor ungeahnte Schwierigkeiten. Denn einem Gedicht ein einziges Bild zugrunde zu legen, ist genau jenes Verhalten, das Poesie-Anfänger, Kinder, Naive, Konservative, Rationalisten, Faschisten und Totalitaristen prägt, der Glaube an die Referentialität und Sinngegebenheit von Kunst.
Und trotz dieser Einsicht, muss ich das Bild, welches, wie  ich glaube, das Gedicht darzustellen beabsichtigt, vor mir sehen können – und wenn mir dies nicht gelingt, dann scheitert die Übersetzung. So graut mir vor der Übersetzung des Gedichtes „Heidevreugd“, oder man nehme die erste Gedichtzeile von „Cellosuite BWV 1011 – Sarabande : „Zoals een arm mens watert in zijn hof over de netels/ opdat hun brandend loof verkwijnt zo ist dit neuriën/ zengend“ Ich habe die Sarabande rauf und runter gehört, aber ich seh den pinkelnden Menschen nicht vor mir. Liegt es daran, dass es hier um eine doppelte Verbildlichung handelt, die erste, die mit Hilfe der Musik von der Wirklichkeit abstrahiert, und die zweite, die diese mittelbare Wirklichkeit dann verschriftlicht und dabei nochmals verbildlicht? Das Ergebnis ist dann ein nicht ganz deckungsgleiches Doppelbild, ein Schielen also. Dagegen habe ich keine Schwierigkeiten, mir einen schlittschuhfahrenden Goldregen vorzustellen, ja, es gelingt mir sogar, keinen Goldregen mir vorzustellen.
Eine meiner Lieblingstheorien, die besagt, dass die Bildung des Individuums ein phylogenetischem Reflex auf die ontogenetische Kulturentwicklung aller Völker ist, bietet mir als Lösung an, die Faktizität von Fragmentarität, Nicht-Kausalität und Nicht-Linearität einfach stoisch hinzunehmen. Nun gut, dann konzentriere ich mich auf die Einzelbilder wie z.B. folgendes: „Vanaf het avondstrand is goed te zien hoe vlug/ je mindert – zo ijlings als het licht// je blote rug verlaat.”[11]. Ich ergötze mich also an diesen zwei Zeilen des Gedichts und hoffe, dass sich so manche Einzelbilder dann doch zu einer Art  Gesamtbild addieren lassen - und wenn nicht, dann auch gut. Als Übersetzer fuchtelt man also heftig mit Pinsel und Palette, mit Farben, Ölen und Firnissen, bosselt, schraffelt, feinmalert und hat am Ende natürlich doch wieder – ein Bild. So etwas wie ein Widerbild, mehr oder weniger dem Original ähnlich. Diesem Ähnlichkeitsverhältnis von Original und Gegenbild folgend ist eine Übersetzung also genau das, was das Mittel der Poesie schlechthin ist: eine Metapher. Die Übersetzung als Metapher des Originals, ehrlich gesagt, weiß ich noch nichts Rechtes anzufangen mit diesem Fund, und auch das wird der eine oder andere schon gedacht haben, aber es klingt schon mal gut. Meines Erachtens ist die Theorie von der Übersetzung als Metapher zutreffender als jene von der Übersetzung als Kopie. Davon kann im Verhältnis zwischen Übersetzung und Original wohl kaum die Rede sein. Schon ein Künstler des 18. Jahrhunderts sollte sich nicht mehr wie in den Jahren davor auf die Produktion von Kunst mit Hilfe eines seit Jahrhunderten unveränderlichen antiken Regelkodexes konzentrieren, sondern auf die Wirkung seiner Kunst. Lessing war einer von jenen, die diese Forderung stellten; erreicht werden konnte dies mit der enargeia, die die Grenze zwischen Malerei und Poesie aufheben sollte, wodurch die Poesie in ihrer Wirkung ideal sein konnte, wenn sie darin einem Gemälde glich. Reklamieren wir diese Forderung für den Poesie-Übersetzer, dann heißt das, und da bin ich schon wieder bei meinem Steckenpferd, dann heißt das, er muss sich vom Wort und seiner Bedeutung weg aufs Bild konzentrieren.

Doch bei aller Bildhascherei, die ich hier betreibe, ist auch Vorsicht geboten. Brassinga thematisiert selbst die Gefahr, zu sehr auf Bilder fixiert zu sein: Ihr Erwiderungsgedicht  „´Ik heb het rood van het joodse bruidje lief“ rückt das Gedicht von Peter Kemp: „Het rood van het joodse bruidje“ wieder gerade, indem sie die dortige Verliebtheit in das Gemälde in die richtigen Bahnen zurücklenkt, nämlich erotisch in eine Apologie des Lebens durch die Identifikation mit der Position des liebenden Bräutigams.

Für Brassinga ist es ein mythologisches Erlebnis, wenn sie in einer Mischung aus Verzweiflung, Anstrengung und Entspannung ein Übersetzungsproblem löst. Sie nennt es eine Epiphanie.[12] Es ist, wie wenn man bei Goethe durch die Kirchenfensterscheibe tritt: „Kommt aber nur einmal herein!“ lädt er ein und verspricht:“ Da ist’s auf einmal helle“. Nein, wir wollen jetzt nicht die mittelalterliche Lichtmetaphysik bemühen, sondern teilen einfach Brassingas Freude über eine geglückte Übersetzung. Das Glück des Gelingens, kommtselten genug vor und unterscheidet sich auch in den beiden Gattungen. Bei der Prosa entsteht sie durch die Dynamik, die Geschwindigkeit, Eleganz, bei der Poesie ist sie härter erkämpft. Das Poesielesen bzw. – übersetzen ist zwar auch ein Raum- und Weltenschaffen wie die Prosa – aber die Welt ist eine andere. Eine statische, zeitanhaltende – darüber können auch postmoderne Spielereien, nicht hinweghelfen. Und so ist es kein Wunder, dass die Lösung sich manchmal einfindet durch bloßes Starren.
            Da ich die Hoffnung auf das Gesamt-Bild eh aufgegeben habe, setze ich mir also das Lessing’sche Ziel: Ich werde auf die Wirkung hin übersetzen: Beispiel Heetboven aus „Frucht“ (Wachtwoorden). Was sollte ich mit Heetboven anstellen, das für den Deutschen keinerlei Zwischen-, Mit-, Um- oder Rückwärtsklang hat. Heissoben klang bescheuert, Heetboven zu lassen wäre ein Armutszeugnis, warum also nicht den Findungsakt der Dichterin nachvollziehen? Wenn sie den Nachnamen verballhornen kann, kann ich das mit dem Vornamen schon allemal. Also wurde auch Heetboven Wudlig. Und wer will kann außer etwas überdrehtem Mutwillen aus diesem Wu-d/t-lich  zwar nicht die Hitze der Orangenhautbekämpfung heraushören, dafür aber die Wut auf jene läppische anatomische Unzulänglichkeit als Gedichtinhalt oder aufs Übersetzen oder am Ende auf Tod, Teufel, Liebe und Vergänglichkeit. Eines aber drückt es sicher aus – und es rehabiliert vielleicht den mutlosen, glücklos erscheinenden Übersetzer ein wenig – : Übermut.

Und weil’s auf ein Bild mehr oder weniger nun auch nicht ankommt noch eins. Eins von Brassinga natürlich. Eins über das Dichten. Nijhoff lesend wird sie immer wieder mit der Entdeckung der Poesie konfrontiert „die te maken heeft met het tegen alle nog maar amper bevroede levenswetten in willen leren vliegen door wapperend met de armen de diepte in te springen, na het steeds opnieuw beklimmen van de trap, verlangend naar vereeuwiging van het moment dat pijnlike melancholie, lustvolle vermetelheid en vrije val samengaan“. [13] Die Tiefe, den Abgrund überwindend jetzt auch noch fliegen? Nein, nein, bei allem Übermut, das versuche ich erst gar nicht, da haut es mich Anfänger sicher auf die Nase. Ich bleib beim Klopfen an gemalte Fensterscheiben. Poch, poch, poch. – Vorerst …



[1] Hans Magnus Enzensberger:gedicht für die gedichte nicht lesen, Reclam:Theorie der Lyrik, S. 114f.
[2] Zitiert von: Olga Orozco:“Imaginäre Abenteuer der Poesie“, in: Joachim Sartorius: Minima poetica, Köln 1999, S. 23-30, ebd. S. 25.
[3] Anneke Brassinga: Het zere been, Amsterdam 2002, S. 215f.
[4]  Theorie der Lyrik, S. 110.
[5] Lessing: Laokoon, 5/2, 1990, S. 14. [Andere Quellenangabe für Simonides: Plutarch: De Gloria Atheniensium, Kap. 3.]
[6] Brassinga: Het zere been, S. 54.
[7] Anneke Brassinga: Wachtwoorden, Amsterdam 2005, S. 31.
[8] Brassinga: Het zere been, S. 89.
[9] Brassinga: Het zere been, a.a.O., S. 210.
[10] (Adorno-Minima-Moralia-Anspielung bei Sartorius (1999:11)
[11] uit Schoonheid (3)
[12] Brassinga: Het zere been, S. 212f.
[13] Brassinga: Het zere been, a.a.O., S. 183.

Dienstag, 5. Mai 2015

Nachgedanken über das Problem Non/fiction:





Cervantes malt in einer Szene seines Don Quixote das grundlegende Problem der Literatur aus. Anlass dazu bietet die Ziegenherde von Lope Ruiz.
Sancho Pansa will verhindern, dass Don Quixote mitten in der Nacht zu einem Abenteuer aufbricht. Sein Herr willigt schließlich ein, erst bei Morgengrauen aufzubrechen, unter der Bedingung, dass Sancho Pansa ihm bis dahin Geschichten erzählt. Sancho Pansa beginnt mit der Geschichte von Lope Ruiz, der sich dazu gezwungen sieht, seine dreihundert Tiere zählende Herde über einen Fluss zu setzen:

Er schaute aber so lange um, bis er endlich einen Fischer sah, der nicht weit davon in einem ganz kleinen Kahne saß, so daß in dem Kahne nicht mehr als ein Mensch und eine Ziege stehen konnten, er nahm aber darum doch mit diesem die Abrede, daß er ihn und die dreihundert Ziegen, die er bei sich hatte, übersetzen sollte. Der Fischer stieg in seinen Kahn und setzte eine Ziege über, er kam zurück und setzte eine andere über, er kam nochmals zurück und setzte noch einmal eine andere Ziege über. Zählt nun ja, gnädiger Herr, die Ziegen genau, die der Fischer übersetzt, denn wenn Ihr nur eine aus dem Gedächtnisse verliert, so ist die Geschichte zu Ende, und es ist nachher nicht möglich, noch ein einziges Wort davon zu erzählen.

Don Quixote wird ungeduldig:

»Erzähle die Geschichte nun so«, sagte Don Quixote, »daß sie schon alle übergesetzt sind, nicht aber so, wie er ankömmt und wieder abfährt, denn sonst wirst du sie kaum in einem Jahre übergesetzt haben.«

Doch Sancho Pansa hatte ihn gewarnt:

»Wie viele sind nun jetzt schon übergesetzt?« fragte Sancho.
»Das mag der Teufel wissen«, antwortete Don Quixote.
»Da haben wir's nun, wie ich sagte, wie Ihr sie genau zusammenzählen möchtet, denn bei Gott, die Geschichte ist nun so völlig aus, daß ich nichts weiter erzählen kann.«
»Wie kann dies sein?« antwortete Don Quixote, »ist es denn in dieser Geschichte so wesentlich, ganz genau zu wissen, wie viele Ziegen übergesetzt sind, daß, wenn man nur um eine fehlt, du in der Erzählung nicht fortfahren kannst?«
»Durchaus nicht fortfahren, gnädiger Herr«, antwortete Sancho, »denn sowie ich Euch fragte, wie viele Ziegen nun übergesetzt wären, und Ihr mir die Antwort gabt, daß Ihr's nicht wüßtet, so entfiel mir in demselben Augenblicke alles, was noch übrig war, und wahrhaftig, das war von nicht geringer Anmut und Herrlichkeit.«
»Auf die Weise«, sagte Don Quixote, »ist nun die Geschichte aus?«
»Aus wie die Kirche«, sagte Sancho.“ (Quelle: zeno.org)

Womit Sancho eigentlich behauptet, dass eine Geschichte, die nicht jedes einzelne Detail erzählt – das heißt hier, jede einzelne der dreihundert Ziegen erwähnt -, gar keine Geschichte ist.

Ein anderer übrigens hat sich auch an diesem wahrheitsgemäßen, realistischen und lückenlosen Erzählen versucht: Laurence Sterne. Und auch er kam nicht weit: Tristram Shandys Geschichte endet Jahre bevor das Leben, das erzählt werden soll, überhaupt erst beginnt.
Die Realität ist im vulgären bzw. populärwissenschaftlichen Verständnis von Sancho Pansa bzw. Laurence Sterne eine ungebrochene Aufeinanderfolge von Ereignissen.
Als Erzähler einer Geschichte scheitern beide.

Samstag, 2. Mai 2015

Non/Fiction-Conference Amsterdam 2015


Non/Fiction
The 9th edition of the International Non-Fiction Conference, organized by the Dutch Foundation for Literature on May the 1st and 2nd, centers around the theme of ‘fiction within non-fiction’.
Eight international experts will give lectures on compelling stories and confidence tricks in reportage and on narrating in non-fiction. The quotes below give an overview of the speakers and the issues they will address.
The “inviation-only” conference is English-spoken. Public will be able to follow and react on the discussions via Twitter: #nonf15. Video’s of the lectures will be published by the Dutch Foundation on our Facebookpage and YouTube-channel. An overview of the previous non-fiction conferences may be found on this website under Programs




Food for your brain!





Mittwoch, 1. April 2015

Erschienen







Simon, Coen
Warten macht glücklich!
Eine Philosophie der Sehnsucht

2015. 1. Auflage
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm. 176 Seiten. 13,5 x 21,5. Gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN 978-3-8062-3031-4


EURO 19,95

Text von der Verlagswebseite:
Erscheint im März 2015

Wie die Sehnsucht unserem Leben Sinn verleiht

Nicht die Erfüllung unserer Träume verleiht unserer Existenz Sinn, sondern die Sehnsucht und das Warten auf das Glück! Das zeigt der preisgekrönte holländische Philosoph und Schriftsteller Coen Simon in dieser anregenden philosophischen Betrachtung, die mühelos zwischen literarischer Erzählung und logischer Analyse hin und her wechselt. Wenn auch oftmals Sehnsüchte als Qual erfahren werden, müssen wir lernen, sie mehr zu schätzen, weil Sehnsüchte und Erwartungen jeden unserer Tage gestalten. Auf spielerische Art führt uns Coen Simon durch Erfahrungen in seinem eigenen Leben an diese These heran. Er ruft Erinnerungen an die Freundin aus dem Kindergarten, an ein Bruce-Springsteen-Konzert oder an die Landschaft seiner Jugend ab. So lässt er uns an seinen Gefühlen teilhaben und lädt uns ein, an unseren Sehnsüchten festzuhalten.

 Quelle: Theiss-Verlag

Rezension in der Neuen Rundschau hier.

Dienstag, 31. März 2015

Anneke Brassinga Abend

Heute um 19 Uhr im Haus der Berliner Festspiele Seitenbühne:


Anneke Brassinga © Freddy Rikken
Anneke Brassinga

Ein großer Anneke-Brassinga-Abend

„Meide das Sonntagmittagsglibberpuddinggrün“
Mit Gastauftritten der niederländischen Jazz- und Improvisationsmusiker Ig Henneman (Bratsche) und Ab Baars (Saxophon, Klarinette, Shakuhachi) sowie der deutschen Dichterinnen Monika Rinck und Elke Erb. Und einem Gespräch mit Anneke Brassinga, das Katharina Narbutovič führt.
Die Niederlande feiern ihre „Sprachmagierin“ in diesem Jahr mit dem wichtigsten Literaturpreis, den das Land zu vergeben hat: Am 21. Mai 2015 wird Anneke Brassinga für ihr dichterisches Werk der P.C. Hooft-Prijs verliehen. Seit Mitte der 1980er Jahre bezaubert die Dichterin, Prosaautorin, Essayistin und Übersetzerin ihre Leserschaft mit einem einzigartigen Erfindungsreichtum und Gespür für das Material der Sprache. Zum Abschluss ihres Jahrs als Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD ist Anneke Brassinga noch einmal mit einem großen ihr gewidmeten Abend zu erleben.
Veranstalter
Eine Veranstaltung des Berliner Künstlerprogramms des DAAD zu Gast im Haus der Berliner Festspiele, in Kooperation mit der Botschaft des Königreichs der Niederlande.
(Quelle: Berliner Festpiele)

(Habe dafür auch Gedichte übersetzt - steht natürlich nirgends. Aber das kennen wir Übersetzer ja)

Zu hören auch im Kulturradio heute morgen (bis 8. April)

Montag, 30. März 2015

Nominierung für Filter Vertaalprijs 2015 - Ich fühle mich sehr geehrt


Genomineerde Boeken _FVP2015

Niederländischer Text auf der Website der Übersetzungszeitschrift Filter

(Deutsche Übersetzung von mir*)

Nominaties Filter Vertaalprijs 2015

Nominationen für den Filter Übersetzungspreis 2015

 

Jury kiest voor bijzondere en indrukwekkende vertalingen

Jury entscheidet sich für außergewöhnliche und beeindruckende Übersetzungen

30-03-2015

Maar liefst zes vertalingen zijn genomineerd voor de Filter Vertaalprijs 2015. Stuk voor stuk gaat het om indrukwekkende, lijvige prestaties van bijzondere vertalers – een bloemlezing Japanse verhalen, een non-fictie boek dat alleen met een eigenzinnige vertaalopvatting tot stand kon komen, drie intrigerende romans waarvan er twee veel zeggen over hoe wij nu leven, en tot slot een zeer aparte vertaling uit het Nederlands. Spectaculaire uitingen zijn het van een vertaalcultuur die bloeit tegen de stroom in. Op zaterdag 16 mei wordt de winnaar live bekendgemaakt tijdens het Internationale Literatuurfestival City2Cities in het Postkantoor Neude te Utrecht.

Nicht weniger als sechs Übersetzungen sind für den Filter Vertaalprijs 2015 nominiert. Bei jedem Werk handelt es sich um eine beeindruckende, umfangreiche Leistung eines außergewöhnlichen Übersetzers - eine Anthologie von japanischen Erzählungen, ein Sachbuch, das nur mit einer eigensinnigen Übersetzungsauffassung zustande kommen konnte, drei faszinierende Romane, von denen zwei darstellen, wie wir heute leben, und schließlich eine besondere Übersetzung aus dem Niederländischen. Alle Werke sind spektakuläre Beispiele für eine Übersetzungskultur, die außerhalb des Mainstreams wächst und gedeiht. Am Samstag, den 16. Mai wird während des Internationalen Literaturfestivals City2Cities im Postkantoor Neude in Utrecht live bekannt gemacht, wem der Preis zuerkannt wird.


Genomineerd zijn:
Nominiert sind:
 - Anneke Alderlieste met De Thibaults van Roger Martin Du Gard (Meulenhoff)
- Gerard Cruys met Venushaar van Michail Sjisjkin (Querido)
- Luk Van Haute met de bloemlezing Liefdesdood in Kamara. En andere Japanse verhalen (Atlas Contact)
- Josephine Rijnaarts met Rummelplatz (Kermis) van Werner Bräunig (Lebowski)
- Jan Pieter van der Sterre met Analogie, de kern van ons denken van Douglas Hofstadter & Emmanuel Sander (Atlas Contact)
- Ira Wilhelm met Der Himmel meines Großvaters (Hanser Berlin), haar vertaling in het Duits van Stefan Hertmans Oorlog en terpentijn (De Bezige Bij)

De prijs van €10.000 wordt beschikbaar gesteld door diverse vooraanstaande uitgeverijen en een anonieme begunstiger die zo, in samenwerking met Stichting Filter, willen bijdragen aan een hogere waardering voor uitzonderlijke vertaalprestaties.

Der Preis in Höhe von € 10.000 wird von verschiedenen wichtigen Verlagen der Niederlande und einem anonymen Förderer bereitgestellt. Alle Beteiligten wollen in Zusammenarbeit mit Stichting Filter dazu beitragen, dass außergewöhnliche Übersetzungsleistung größere Anerkennung erfahren.

De jury bestond uit Mari Alföldy, winnaar van de Filter Vertaalprijs 2014, Isabel Lorda Vidal, vertaalster van onder meer Cees Nooteboom in het Spaans en directeur van het Nederlandse Instituto Cervantes en Els Snick, vertaalster en promotor van Joseph Roth in de Lage Landen. Zij werden namens de redactie van Filter bijgestaan door juryvoorzitter Ilse Logie en Ton Naaijkens. Een uitgebreide beargumentering van de nominaties is te lezen in het eerste nummer van de tweeëntwintigste jaargang van Filter, en na verschijnen daarvan ook elders op deze website.

Die Jury bestand aus  Mari Alföldy, der Gewinnerin des Filter Vertaalprijs 2014, Isabel Lorda Vidal, Übersetzerin von u.a. Cees Nooteboom ins Spanische und Direktorin des Nederlandse Instituto Cervantes und Els Snick, Übersetzerin von Joseph Roth und engagierte Vertreterin von dessen Werk im niederländischen Sprachgebiet. Unterstützt werden diese im Namen der Redaktion der Zeitschrift Filter von Ilse Logie und Ton Naaijkens. Eine ausführliche Begründung der Nominationen erscheint in der ersten Nummer des zweiundzwanzigsten Jahrgangs der Zeitschrift Filter, und nach Erscheinen der Zeitschrift auch auf dieser Webseite.

*) Gebrauchsübersetzung

Sonntag, 22. März 2015

Jeroen Mettes im Schreibheft














Essen, Blicke oder: Der Dichter als Narr
Drei unbekannte Photos von Rolf Dieter BrinkmannCharl-Pierre Naudé   Kontinentale SchnittstelleGedichte

WIDER DIE ERHABENHEIT
Eine neue Dichtung aus Polen
Zusammengestellt von Esther Kinsky
Mit Beiträgen von Miron Bialoszewski, Julia Fiedorczuk,
Darek Foks, Andrzej Franaszek, Jacek Guturow, Pawel Kaczmarski,
Lisa Palmes, Dariusz Sosnicki, Adam Wiedemann u.a.
Vorbemerkung von Esther Kinsky ...


TACHES BLANCHES / BLANK SPOTS / WEISSE FLECKEN
Der Dichter Emmanuel Hocquard
Zusammengestellt von Aurélie Maurin und Norbert Lange
Mit Beiträgen von Charles Bernstein, Olivier Cadiot,
Michael Donhauser, Emmanuel Hocquard, Odile Kennel, Dagmara Kraus,
Michael Palmer und Rainer G. Schmidt


MOND. SUSHI. VOLVO.
Jeroen Mettes - Anstifter zum Sprachkrieg der Weltbürger
Zusammengestellt von Daniel Rovers
Mit Beiträgen von Jeroen Mettes, Daniel Rovers
und Ira Wilhelm


AUTOREN

Marie Luise Knott   Der Span des Gegenwärtigen
und sein Kampf mit dem Nichts
Versuch über ein frühes Notizheft von Hannah Arendt.
Mit einem Exkurs über Arendts Faulkner-Lektüre



Quelle: http://www.schreibheft.de/aktuelle-ausgabe/

Sonntag, 1. Februar 2015

Peter Holvoet-Hanssen








Meine Vorstellung von
Peter Holvoet-Hanssens Zoutkrabber-expedities
während der Publishers Tour
Deutsche Verleger in Antwerpen im Januar 2015


Peter Holvoet-Hanssen: Zoutkrabber-expedities


Das Gute an Zoutkrabber-expedities ist: Man hat zwar nur ein Buch, aber zwei Geschichten und zwei Reisen. Im ersten Teil die während des zweiten Weltkriegs stattfindende Überlebensreise des niederländischen Zwangsarbeiters Leen Pul durch Deutschland – dramatisch und nüchtern – im zweiten die Gedankenreise des Musiklehrers Finbar durch seinen Kopf und die ganze Welt – dramatisch und poetisch.

Zoutkrabber-expedities ist kein Buch für den zielorientierten Durchmarsch. Nach der Lektüre des ersten Teils wird man wie beim Blindekuhspiel erst einige Male um seine Achse gewirbelt, um dann vergnügt und entdeckerfreudig durch den zweiten zu torkeln. Teil eins und Teil zwei bilden ein Vexierbild aus Wirklichkeit und Phantasie, Stärke und Schwäche, Ziel und Umweg, Überleben und Sterben, Heimkommen und Flucht und Flucht und Heimkommen.

Am Ende angelangt, legt sich das Poetisch-Spielerische des zweiten Teils rückwirkend über den ersten und unterstreicht dadurch das Unerhörte, Unwahrscheinliche und Unfassbare an der Geschichte von Leen Pul. Umgekehrt kriecht das nüchternrealistische Grauen des ersten Teils mit in den zweiten hinüber und schärft den Blick für das schmerzhafte Schicksal zweier Liebender, Finbar und Louise, die allen modernen Kommunikationsmitteln zum Trotz einfach nicht zusammenkommen können. Erst befindet sich der eine auf Weltreise, dann der andere, es sieht so aus, als gelänge es den beiden einfach nicht, ihre Flug- und Fluchtpläne aufeinander abzustimmen, worüber eine Anzahl den beiden von Herzen zugetaner Nebenfiguren – unter ihnen Leen Pul – nur den Kopf schüttelt. Doch die Liebe der beiden erfüllt sich schließlich im Getrenntsein, wodurch sich ihre Geschichte klein und ergreifend in die Reihe der großen, tragischen Liebschaften der Literatur einreiht.

Finbar und Louise könnten gerade wegen dieser Tragik zum romantischsten Liebespaar des 21. Jahrhunderts werden. Eltern werden ihre Kinder nach ihnen nennen, alte Damen ihre Dackel und Kinder ihre Meerschweinchen. Das ist nicht spöttisch gemeint – ganz im Gegenteil. Das Buch von Holvoet-Hanssen entlässt den Leser glücklich, denn zusammen mit Leen Pul hat man das Grauen überlebt und mit Finbar und Louise die verpasste Liebe. Es geht also doch – das Leben!


Eine etwas ausführlichere Version mit Leseproben:



Peter Holvoet-Hanssen (*1960)

Zoutkrabber-expedities
(Expeditionen einer Piratenkogge)
Roman, 224 Seiten, Prometheus Amsterdam 2014

(S. 7) Willkommen in meinem Nomadenzelt. Zieh die Schuhe aus, nimm dir eine Traube und höre meiner Stimme zu, die zu dir aus der tiefen Kluft zwischen den gängigen Gegenpolen spricht: Gott – Kein-Gott, Zufall – Kein-Zufall; Mann –  Frau, Sinn – Unsinn. Blicke auf das Unmögliche, auf einen Großen Narren, der Universen ausspuckt und aufsaugt.
                Lass dich nieder auf dem Teppich aus Raum und Zeit. Fanastasio lautet der Name, ich bin der Assistent des Oberglöckners. Wie mein Name schon sagt: Ich bin erdacht. Du etwa nicht, Klugscheißer? Du wartest auf das neueste Smartphone, damit du das „alte“ wegwerfen kannst. Das neue Modell ist der Ansicht, es sei real. Doch frag lieber: „Sind wir real?“ So vergänglich ist das „Reale“ in der gegenwärtigen, aus den Fugen geratenen Epoche. In stillen Augenblicken spürt man die eigene Unwirklichkeit. Erkenne den Grund dafür im Unvermögen der Sinne. Singe, im Licht des Schmerzes: „Rimbombo rimbom!“
                Wer ist der Glöckner? Er ist ein Dirigent der Zeit. Früher hieß er einmal Giovanni Torriano, Ingenieur aus Cremona. 1540 ging er nach Spanien, um dort ein großes Planetariumuhrwerk für Karl V. zu bauen. Kaiser Karl nannte ihn Juanelo. Juanelo musste beim Kaiser bleiben, bis dieser in seiner Villa beim Kloster in Yuste starb. Einer meiner Lehrer versuchte, ein Riesenuhrwerk zu konstruieren, womit er die Zeit in zwei identische Hälften hacken konnte. Um Tändelkinder wie mich unter Kontrolle zu haben. „Sonst flattert ihr einfach nur herum“, pflegte er zu sagen.
                Schau her und hör zu.

Da ist Mutter Erde. Westeuropa. Die Niederlande – Belgien.
                Ich werde zwei Geschichten erzählen. Das Thema duftet wie frischgebrühter Kaffee: „Heimkehr“. Wie kehrt man nach Hause zurück? Indem man den erwünschten Ort erreicht? Oder doch eher dadurch, dass man sich von ihm entfernt?
                Zuerst eine Geschichte aus den Niederlanden, sie hat sich wirklich ereignet, während des Zweiten Weltkriegs. Klar wie eine eiskalte Winternacht. Ein Mensch will einer toten Form entkommen. Aus dem Chaos heraus bahnt er sich einen Weg nach Hause.
                Die zweite Geschichte ist grillenhafter, hüpft in alle Richtungen, entscheidet sich dann aber für den Weg in die Zeit. Belgien, 66 Jahre später. Ein verliebter junger Mann unternimmt eine Reise ins Innere und kehrt durch ein anderes Tor nach Hause zurück: durch das des Verrats. Es handelt sich um eine Gegenbewegung, vom Hellen ins Dunkle: Aus dem Korsett der Ordnung hin zur Funkelnden Finsternis.

Doch dazu später. Zuerst zum Rotterdamer Maasbahnhof, 9. März 1943.

Zur Information:
Nun folgt der winterkalte Bericht des Leen Peul, Zwangsarbeiter in Deutschland. Es ist ein Bericht aus Elend, Kälte und dem unstillbaren Willen, nach zwei Jahren Umherirren am Geburtstag wieder zu Hause zu sein: Am 5. Juni 1945. Die Etappen teilen sich in Kapitel, die heißen: Einzelfahrt nach Hannover – Das Lied: In de mine mine maneschijn – Meine armen Füße – Blau machen – Kugelrunde Bohnen – Westwärts – Die letzten Zuckungen – Befreiung. Hinter diesen unaufgeregten Worten verbirgt sich eines der ergreifenden, ungezählten, bisher noch nicht erzählten Schicksale im Zweiten Weltkrieg.

Nachdem Leen Pul sein Zuhause erreicht hat, spult Holvoet-Hanssen in einem kurzen Zwischenkapitel die Zeit vorwärts:

(S. 97) Schwarze Löcher ziehen heran. 1950, 1960, 1970… 1980: Russische Truppen in Afghanistan – in El Salvador schießen Heckenschützen auf die Menschenmasse, die sich zum Begräbnis des Erzbischofs Romero versammelt hat – Türkische Panzer rüsten sich für den Staatsstreich – …

Hier ist das alte Abendland. Europa. Schnell, hinein, bevor ein hoher Damm den Zugang versperrt.
                Mach aus dem Leben einen Bestseller. Würze die im Fernsehen gezeigten Bombenattentate und Erdbeben mit Pfeffer und Salz. „Pump it up, pump it.“ Singt Technotronic 1989.
                Schau, das Königreich Belgien, Hauptstadt Brüssel. Ein gespaltenes kleines Land aus Pommes Frites und Pralinen, Brüsseler Kohl und belgischen Waffeln. Im französischsprachigen Teil, in Wallonien, spricht man kein Französisch, sondern „Walloutch“. Zoom auf Flandern, dort spricht man kein Niederländisch, sondern „Flamoutch“.
                Hohe Feinstaubkonzentrationen. Hier fällt man Bäume und verjagt Obdachlose wie Möwen. Es herrscht die Willkür des Sozialstrafensystems. Und alles muss aus Beton sein, alles muss gleich aussehen – von der Straßenbeleuchtung bis zum Bahnhof. Von der Poesie wird verlangt, zugänglich zu sein, doch man sollte es sich nicht einfallen lassen, mit einem Rollstuhl auf einen örtlichen Bahnsteig gelangen zu wollen. Netzwerker geilen sich am Spektakel auf, es ist die Zeit der „Events“. Like! Like! Auf Facebook, nicht auf Google, sonst landet man bei der hawaiianischen Prinzessin Miriam Kapili Kekauluhohi Likelike..
                Wir schreiben die Jahre 2011-2012. Hopp, auf nach Antwerpen! Zum Kai, Anlegepoller Nr. 255.
                Ab und zu werde ich Finbar ins Gewissen reden, damit er nicht vom Weg abkommt. Aber Achtung: Ich werde Zahl und Farbe der Figuren, denen er begegnet, nicht reduzieren.

Zur Information:
Nun folgt die zweite Romanhälfte, die zweite Reise, die nicht durch das kriegszerstörte Deutschland führt, sondern durch den Geist des Helden. Sie trägt den Titel: „Finbar und Louise“. Holvoet-Hanssens Pegasus erweist sich als feuerspeiender Meeresdrache, dem er tüchtig die Sporen gibt. Während der Autor Leen Puls Bericht so klar und konzis wie Salingers Catcher in the Rye nennt, folgt nun, was man die flämische und männliche und rothaarige Stimme von Felicitas Hoppe nennen könnte oder von Sybille Lewitscharoff ohne Schwabenakzent. Beides wohlgemerkt Büchner-Preisträgerinnen der letzten Jahre. Erzählt wird die Liebesgeschichte zwischen der Krankenschwester Louise – sie ist Leen Puls Enkelin – und dem Musiklehrer Finbar, dem meerlosen Matrosen. Beide 28 Jahre alt. Eine Liebesgeschichte, die in ihrer Unerfülltheit die Erfüllung findet. Nachdem Louise vor Finbar sich in eine Weltreise geflüchtet hat und zurückkehrt, bricht Finbar zu einer Irrfahrt auf: Er ist der umgekehrte Fliegende Holländer, er sucht die Erlösung nicht in der Liebe, sondern in der Flucht vor ihr.
Aus einem zentralen Kapitel:

Der Erzählbaum
(S. 135)  Finbar sitzt noch immer auf dem Anlegepoller Nr. 255 am Kai von Antwerpen und denkt an das Loch in seinem Herz, das Louise hinterließ, als sie aus dem Krankenzimmer seines Vaters verschwand.
                Eine Tjalk fährt vorbei, geschmückt mit festlichen Bändern. Finbar lässt ab vom Gedanken an Louise auf und stürzt sich in den Hirnwirbel.

Was sieht Finbar denn nun schon wieder durch die Kluft der Zeit?

Feste von früher auf der Schelde, Feuerwerk. Zwei Kanoniere stehen am Vlaamse Wal bei einer Kanone, die noch warm ist von den eben abgefeuerten Schüssen: Joseph Tiré aus Kortrijk und Hendrik van Steenkiste aus Brugge. Joseph stopft mit einem Stock den Propfen in den Lauf, Hendrik hält den Daumen auf das Ladeloch, um zu verhindern, dass Luft eindringt.
                „Hast du Louise noch gesehen?“ Joseph sieht seinen Freund an. „Was für ein Mordsweib.“
                Hendrik zuckt mit den Schultern.
                Ein Knall lässt die Zuschauer zusammenschrecken. Der schwere Ladestock saust mit enormer Kraft aus der Kanone, bricht Joseph den rechten Arm, zerschmettert ihm die rechte Hand und Hendrik die linke. In der Nähe stehende Festteilnehmer werden vom (S. 136) Luftdruck umgeworfen und ins Wasser geschleudert. Hendrik bekommt einen Teil der Ladung ins Gesicht.
                „Los, such Doktor Maréchal! Die Unglücklichen… wo ist Josephs linkes Auge? Ich kann Hendriks Augen nicht sehen, so entstellt ist er … Wer verabreicht den beiden die letzte Ölung?“
                „Joseph und Hendrik“, sagt ein Mann und nimmt die Mütze ab. „Die zwei waren unzertrennlich. Beide waren 28 Jahre alt. Wurden am gleichen Tag geboren. Aber muss man deshalb am gleichen Tag sterben?“

Ein Vorfall am Antwerpener Kai, in Vergessenheit versunken, doch Finbars Gehirn wird durch die Zeit manchmal gepeinigt. Immer wieder durchlebt er, wie er Louise kennenlernte. Er tätschelt den Anlegepoller, der ihm seit Stunden Gesellschaft leistet, steht auf und knöpft die Jacke zu, die ihm fast zum Wohnzimmer geworden ist. Er lässt seinen Blick noch einmal über den die Farbe verlierenden Fluss schweifen.
                Zu Hause werde ich das Lied aus den Siebzigern spielen, nimmt er sich vor, Lewis Fureys ergreifendes Lied „Louise“. Immer und immer wieder.

Louise, the name, I feel the blade in my back

***
[…]
(S. 139) Finbar hat sich endlich vom Anlegepfahl Nr. 255 erhoben und geht zum Het Steen, dem alten Schloss am Kai. Er hört die Leute miteinander plaudern, grienen wie garstige Mopeds.
                „Wenn ich kaure wie ein Maure, schiebt man mir einen Stuhl hin. Sie mussten die dunklen Typen an die Mauer lehnen.“
                „Die Serviererin im Café stammt sicher aus dem Ostblock. Für Geld tanzt die auf dem Tisch. Die wurde schon mit `nem Poller zwischen den Beinen geboren.“
                „Den Unschuldigen zu spielen ist gar nicht so einfach, außer natürlich man ist unschuldig, weil man dann ja gar nicht spielt …“

Finbar hört seinen Vater im Wind wettern.
                „Hörst du die Kanonenschüsse im Himmel, Finbar, Gott ist nicht zu Hause. Ach, die Menschen, es sind Stinkfische und Vielfraße. Brüll wie`s Nebelhorn und lass dich nicht unterkriegen, mein Sohn! Damit sie dich nicht Schwert- und Heringschlucker nennen, ohne Rückgrat und ohne Eier.“
***
Finbar steht beim Kirschbaum am Het Steen, ein vergessener Baum am Kai. Die Blätter flüstern: „Guten Abend. Die Sonne sackt nicht ab, der Mond steigt nicht auf. Andra moi ennepe, Moussa…“
                Ah, meine Muse, denkt Finbar, wie lange soll ich denn noch wie Odysseus umherirren? Jeder Schritt bringt mich näher an das kleine schwarze Loch in meinem Herzen. Ich betrachte die Welt wie eine abgetauchte Taube.
                Finbar streicht über die Rinde des Baums. Er denkt (S. 140) an den Vater seiner Mutter, an den alten Schiffszimmermann, der oft mit ihm hierherkam.
„Bompa?“
                Finbar schließt die Augen und vernimmt, was sei Großvater ihm einmal über den Kirschbaum erzählt hat. „Du darfst es aber niemandem erzählen, sonst lachen sie dich aus. Das hier ist ein heiliger Baum. Wenn du es nicht glaubst, dann fass’ mal die Rinde an. Bäume machen Wolken. Ruf ins Geäst hinauf, Finny: ‚Wolken, vereinigt Euch. Singt!’ Weh’ über die Erde und lass deine Worte polterwehen. Schrei mit dem kupfernen Schiffshorn deiner Stimme, bis es nicht mehr geht. Dauert der Winter lange, dann versprich mir, dass du mir hier ein Frühlingslied singst: ‚Hurra, hurra, hurra!“ Darf die Seele singen, ist sie zufrieden. Mach, dass deine Segel sich wölben! Tanze später mit deinen Kindern um diese Baumkönigin herum. Das lässt sie blühen und gedeihen. Deine Kinder sollen sich unter diesen „Arbre à Palabres“ auf das Kirschbett setzen. Der Baum ist wie ein Erzählbaum in Afrika, Finny… Erzähl den Kindern vom Meer, fange für sie salzige Wörter mit deinem Meerschmetterlingsnetz. Erzähl ihnen von den Schneebären. ‚Ein Eisbär ist nur solange König vom Nordpol, solange das Eis nicht schmilzt.’ Erzähl ihnen mit Sätzen aus Splintholz vom Wald. Und wenn du ein Gedicht vorträgst, dann nicht wie ein Oberlehrer oder Vordrängler, sondern wie eine Trauerweide. Eine Trauerweide ist die Perücke unter den Bäumen, sie ist immer melancholisch und leidet an Heimweh. Genieße wie eine Pappel, die sich im Regen duscht, oder sei so stark wie eine jahrhundertealte Eiche, die ihre Wurzeln in den Nachtnebel schlägt. Fühlst du dich etwas schwach? Dann denke so krumm wie ein Schiffszimmermann! Sei still wie eine Maus unter diesem Kirschbaum. Blüht der Erzählbaum, dann male das Morgengrauen, das du siehst … Greine nicht, Finbar. Finneke?“
                Finbar erinnert sich daran, dass er zu weinen anfing. „Sie ärgern mich wegen meinem Haar, (S. 141) Bompa. ‚Roter, lauf nun bald, denn deine Liebste wohnt im Wald!’ Sie sagen, dass ich noch an den Nikolaus glaube und … Angst habe vor Haien, dabei habe ich noch nie einen gesehen… Bompa? Wirst du auch sterben? Wann?“
                Finbar spürt, wie ihm die Tränen in die Augen steigen. Louise hat Recht: Er kommt sich vor wie eine Waise. Er vermisst seinen Großvater, seine Mutter, seinen Vater, sie alle Außenseiter, die nicht ins Gekreisel der Welt passten.
                Vor seinem inneren Auge sieht er schwarz-weiße Engel mit grünblauen Flügeln zur Erde stürzen. Sie fliegen zur afghanischen Provinz Wardak, zu Nirkh vom Maidan. Sie weinen wie die blutende Mosche von Raʾs al-ʿAin, Stacheldrahttränen von Serê Kaniyê

Zur Information:
Louise und Finbar sind unterwegs, damit keinesfalls so etwas wie ein Zentrum entsteht. Peripheres Leben, unterbrochen und bestimmt vom zweifelhaften Wunsch nach dem Einen und noch mehr nach dem Zwei-in-Einem, doch für Holvoet-Hanssen gilt allenfalls das Dritte, „der dritte Weg“, wie er es nennt (S. 174). Spätestens jetzt wird klar, dass es sich bei Zoutkrabber-expedities um einen postmodernen Roman handelt, (Das Echo von Homi K. Bhabhas „Third space“ erklingt im Hintergrund), ohne sich in dieser Zuschreibung selbstgefällig zu suhlen. Ihm ist es bitterernst damit.
Die Geschichte von Finbar und Louise endet in der gar entsetzlichen Geschichte von Blanche und dem Schwarzen Grafen, beide finden nur im Tod zusammen, als schwarzer Rabe und weiße Taube.
Das Schlusswort hat wieder Arno de Namur, der den Leser bereits zu Anfang des Buches in sein Zelt eingeladen hatte.

(S. 215)– Zusammen durch den Kamin, nein, doch… Und dieser Stil liegt mir auch nicht, ich will es nüchtern und kompakt.
–Ich will ein anderes Ende. Finbar hat übrigens kein schwarzes Haar, sondern rotes.
– Wir Menschen sind die Blattlausplage der Erde, ist das die Botschaft der Geschichte, Fanastasio?
– Oder handelt sie von zwei jungen Leuten mit Bindungsangst?
– Ja, sag’ doch, alter Narr, wie geht dies hier zu Ende? Keine Ausflüchte, kein bla bla.
 – Action. Tschack, tschack.
– Hey, wo ist er geblieben…
– Wo ist der Zeltausgang?
***
Die Holzkohlenglut kehrt heim in den Ofen, um langsam zu verlöschen.

Stille ist vonnöten.

Zur Information ein paar Stimmen zum Roman
Bart Vervaeck, der wichtigste Literaturtheoretiker und – kritiker Belgien urteilt im Online-Rezensionsmedium De Reactor (dereactor.org) über Holvoet-Hanssens Werk: „Zoutkrabber-expedities ist Fortsetzung, Wende und Haarnadelkurve in der Reise von einem der interessantesten heutigen flämischen Autoren. Die Welt von Holvoet-Hanssen ist nicht ungefährlich und entbehrt nicht der dunklen Abgründe, dennoch ist ein Besuch unbedingt zu empfehlen. Wie von selbst wird sich ein längerer Aufenthalt daran anknüpfen und eine beeindruckende Reise draus werden.“

(Illustration aus der Knack)

Guido Lauwaert nennt Holvoet-Hanssen in der belgischen Wochenzeitung De Knack „einen Nachkommen von Till Eulenspiegel“, „seine Geschichte“ sagt er, sei „Verirren“. Und fährt fort:  Zoutkrabber-expedities ist ein Roman, bei dem der Leser am Ende den Entschluss fasst: Endlich ein junger Mann, der den Mut besitzt, die literarische Etikette mit Füßen zu treten. Es ist ein Buch für uneheliche Leser. [sic!] Tradition und Experiment sind so ineinander verwoben, dass Autor und Leser sich aneinander kuscheln und das Buch gewiss nicht auf dem höchsten Regal der Bibliothek verschwinden wird, wo die Bücher der meisten jungen flämischen Autoren zu Staub verfallen […].